
Eine kritische Reflexion des aktuellen Ereignisses
Von unserem Gastautor Matthias Raith
Gladbeck – 31.05.2026 – Wirtshaus – Die Rathaus-Botschaft von einem neuen Betreiber im heruntergekommenen Schwarte-Haus sollte wohl eine Erfolgsmeldung der Bürgermeisterin und ihrer Wirtschaftsförderung sein.
Die der Öffentlichkeit aufgetischte Mär von der endlich geglückten Abwehr fremder Esskultur im Angesicht des Rathauses verfängt aber nur für oberflächliche Betrachter. In Wahrheit wird mit der wortreichen Ankündigung eines in Namen und Angebot altdeutsch daherkommenden „Wirtshauses“ das Scheitern der Stadtpolitik immer offensichtlicher.
Bei näherem Hinsehen und Prüfung der Fakten zeigt sich: zum wiederholten Male offenbaren die Macher im Rathaus ihr tragikomisches, laienhaftes Scheitern bei Kauf und Vermarktung der Schrottimmobilie. Die angeblich feste Vereinbarung mit der Unternehmensgruppe des Systemgastronomen Mehmet Sünme gleicht dem sprichwörtlichen Griff eines Ertrinkenden nach dem Strohhalm. Die Gladbecker Beamten und die sie tragenden Politiker täuschen so die Öffentlichkeit, die Presse, die Gladbecker Bürger, den Rat und viele gutgläubige städtische Mitarbeiter über ihr klägliches Versagen eines von Anfang an unverständlichen Ausflugs ins Immobiliengeschäft.
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Hat ein Kickboxer gut verhandelt?
Offenbar verkennen Frau Weist, Herr Dr. Kreuzer und die ihm nachgeordnete Wirtschaftsförderung, dass sie es mit einem profilierten Profi zu tun haben. Herr Sünme war, bevor er sich als Gastronom mit mehreren Projekten erfolgreich positioniert hat, Profisportler. Unter anderem im Kickboxen, bei dem man nur durch konsequentes Erkennen und Nutzen von Schwächen seiner Gegner Siege einfahren kann. Diese und andere Lehren aus dem knallharten Kampfsport hat Herr Sünme auf sein Geschäftsleben übertragen.
Er schreibt das selbst voll Stolz auf seiner Website. Das verdient Respekt. Die von ihm ins Leben gerufene Unternehmensgruppe fährt so seit gut einem Jahrzehnt beachtliche Projekterfolge ein. Obwohl seine Einzelunternehmen allesamt nur über das gesetzlich vorgeschriebene Mindestkapital verfügen. In finanzieller Hinsicht also eher nicht gerade breitbeinig aufgestellt sind. Zu verschenken hat die Sünme-Gruppe jedenfalls nichts.
Gesucht und gefunden hat die Stadtverwaltung Herrn Sünme nicht am großen Markt. Nach zweijähriger, erfolgloser Pächtersuche hat sie alle selbst gesteckten Vorbehalte über Bord geworfen. Jetzt hat sie endlich bei der Sünme-Gruppe angefragt. Diese betreibt in der unmittelbaren Nachbarschaft seit ein paar Monaten das Kettenlokal „Mezzomar“ mit östlich-mediterranem Flair und Speisenangebot.
Wirklich drei „Wirtshäuser“? Eines gibt es seit April 2026
Eine Recherche in öffentlich zugänglichen Verlautbarungen der Sünme-Gruppe und in amtlichen Registerauszügen zeigt, dass die Gruppe nicht, wie von der Stadt behauptet, heute schon drei „Wirtshäuser“ mit altdeutscher Prägung betreibt. Sie ist insoweit nur in Moers engagiert. Und zwar lediglich als Vermittler zwischen den ihr nicht zuzurechnenden Betreibern und der König-Brauerei. Mit Sitz im Lokal unterhält sie dazu die Briefkastenfirma „Ox Holiday Moers GmbH“.
Von hier zu einem in Gladbeck erstmals gelungenen „Wirtshaus“ ist es noch ein weiter Weg. Die internationale Geschäftsführerriege hinter Herrn Sünme (Stavros Balla, Paolo Tornetta, Calogero Nicolosi, Xhevat Bajraktari) zeigt hierfür keinerlei Kompetenz oder persönliche Referenzen. Das Lokal im Moers haben die Betreiber erst im April 2026 eröffnet. Seine Lebenschancen im schwierigen Marktumfeld der Gastronomie müssen sich erst noch erweisen. Zumal da seine Speisekarte definitiv weder hochwertig noch originell ist.
Wer bezahlt die Schwarte-Sanierung?
Das bemerkenswerte am Versuch der Vermarktung des Schwarte-Areals ist indessen nach langjähriger Vernachlässigung maßgeblich der außergewöhnlich schlechte technische Zustand des Gebäudes und seiner Räumlichkeiten. Die gesamte Baulichkeit ist in hohem Maße sanierungsbedürftig. Sie kann nur für viel Geld zu einem brauchbaren, attraktiven und rechtlich zulässigen Lokal umgestaltet werden. Die wahren Risiken und Kosten werden frühestens nach Entkernung der zukünftigen Gasträume sichtbar und kalkulierbar.
Der Bestandsschutz, mit dem die ehemaligen Café-Betreiber gut und billig gewirtschaftet haben, besteht definitiv nicht mehr. Jeder neue Betreiber muss alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Dies gilt vom Brandschutz über die Gasthaus-Hygiene, von der Barrierefreiheit bis hin zur Ablöse nicht vorhandener, aber vorgeschriebener Parkplätze. Hinzu tritt: das Areal hinter dem Frontlokal ist mit bunt gemischten Schuppen und Hütten zugebaut. Bis hier wirklich, wie behauptet, ein attraktiver Außenbereich samt Fluchtweg zur Barbarastraße entstehen kann, ist eine zusätzliche Investition in Millionenhöhe erforderlich.
Was steht denn nun im Pachtvertrag?
Mit der nicht prüfbaren Behauptung von einem schon definitiv bestehenden Pachtvertrag spiegeln Frau Weist und ihre Mitarbeiter vor, die Sünme-Gruppe werde diese heute nicht kalkulierbar Risiken als Pächter tragen. Oder sie sind im Namen der Stadt bereit, den gesamten noch zu erbringenden Aufwand aus Steuermitteln zu tragen. Obwohl sie dessen Umfang noch nicht kennen. In jedem Fall würden sie Herrn Sünme und seine Leute kräftig unterschätzen, wenn sie jetzt meinen, sie hätten sich jetzt schon (aus Liebe zur Stadt??) blindlinks verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen aus ihrer Tasche zu finanzieren.
Im Gegenteil: Die Sünme-Gruppe wird alles und insbesondere den offensichtlichen Handlungsdruck der bislang mit Schwarte gescheiterten Stadt daransetzen. Sie wird die auf sie zukommenden Kosten weiterhin und auf Dauer auf die Stadt abwälzen. Gleichgültig, mit welcher Überschrift die Stadtverwaltung jetzt einen „Vertrag“ ausverhandelt hat: Angesichts der zu erwartenden Auseinandersetzungen und Offenbarungen verkommt das Papier zu einer reinen Absichtserklärung.
Entweder die Gruppe steigt, sowie die schon zuvor lauthals öffentlich verkündeten, aber nicht tragfähigen Erfolge, wieder aus. Oder die bankrotte und völlig überforderte Stadtverwaltung eröffnet mit der von ihr als Eigentümer erwarteten Zahlung zur Umgestaltung der Immobilie ein zweites Millionengrab zulasten der Gladbecker Steuerzahler.
Noch ein Wort zu demokratischen Regeln!
Das Vorgehen der Verantwortlichen im Rathaus zeigt im Übrigen, dass sie sich die schon längst nicht mehr um die Regeln unserer demokratischen Grundordnung kümmern. Sie verkünden öffentlich ein angeblich konkretes, weit über ein über die „Angelegenheiten der laufenden Verwaltung“ hinausgehendes Projekt. Und das noch bevor sich der Stadtrat und seine Ausschüsse überhaupt mit der Angelegenheit und den darin zu sehenden Risiken für die Bürger befassen konnten.
Motto der Rathaus-Leute: die Politik wird sich nicht wehren, sie ist ohnehin unsere Beute. Den Rat haben wir dank der zum Haushalt getroffenen Vereinbarungen ohnehin schon längst im Sack.
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