Heilig Kreuz in Butendorf – wie Kirche sich selbst abschafft

Heilig Kreuz in Butendorf - wie Kirche sich selbst abschafft
Gladbecker Baudenkmal, Heilig Kreuz-Kirche in Butendorf. Der gesamte Baukomplex von Kirche, Turm, Pfarrhaus und vorgelagerten Plätzen in der Westansicht im Jahr 2014. CC BY-SA 4.0. Fotograf: David Wenderdel

Beschädigt die katholische Kirche ein einmaliges Zeugnis der Gladbecker Industriegeschichte?

Die Geschichte: Anfang und Ende für das Wahrzeichen von Butendorf

14.07.2021 – Heilig Kreuz in Butendorf – Der Glockenturm der Heilig Kreuz-Kirche zeigt auf der A2 jedem Gladbecker von weitem an, dass er in wenigen Minuten zuhause ist. Heilig Kreuz ist aber weit mehr als nur eine Landmarke. Die vom Kölner Industrie-Architekten Otto Müller-Jena (siehe Kasten) in den Jahren 1912 bis 1914 errichtete Kirche ist ein für die Verhältnisse des damaligen Vorortes Butendorf außerordentlich monumentaler Bau. Sie ist ein besonderes Zeitzeugnis für Blütezeit des Bergbaus samt seiner vor hundert Jahren schnell wachsenden Bevölkerung. Nach dem Abriss aller Gebäude der Moltke-Zechen ist Heilig Kreuz heute auf breiter Front allein ein lebendiges Zeugnis für die ganz besondere Gladbecker Geschichte.




Die Fachleute überschlagen sich mit ihren Prädikaten. Die Kirche sei, so ist zu lesen, der bedeutendste Gladbecker Sakralbau. Mit seiner weithin einmaligen, zehneckigen Kuppel rage sie mitten in Gladbeck „wie ein heiliger Tempel der Weisheit“ imposant in die Höhe. Der Bau und seine innere Gestaltung seien der St. Gereons Basilika in Köln und der einstigen Hauptkirche des oströmischen Reiches, der Hagia Sophia in Istanbul, nachempfunden. Sein mächtiges zehneckiges Kuppeldach, welches das Innere der Kirche mit einem Kranz von Oberlichtfenstern belichtet, mache Heilig Kreuz zu einem Unikat in Deutschland.

Der Kölner Architekt Otto Müller-Jena (1875-1958)

hat die Architektur der Industrielandschaft in der Zeit des außerordentlichen Wirtschaftswachstums vor dem ersten Weltkrieg nachhaltig geprägt. An Rhein und Ruhr hat er zahlreiche, aufwändig gestaltete Profanbauten geplant, die bis heute herausragende Beispiele für die damalige Architektur von Verwaltungs- und Fabrikgebäuden sind. Neben zahlreichen öffentlichen Gebäuden in vielen Städten hat er die Gestaltung des Rathauses in Recklinghausen und des bis heute Stadtbild prägenden Alten Rathauses in Gladbeck verantwortet. Die Heilig Kreuz-Kirche in Butendorf ist sein einziger Sakralbau. Sie dürfte das Meisterstück seines Schaffens sein. Sowohl mit ihrem äußeren Aufbau wie auch mit dem für die damaligen sozialen Verhältnisse gezielt ausgerichteten Inneren der Kirche, das von Fenstern unterhalb der zehneckigen Kuppel beleuchtet wird, hat er mitten in Gladbeck ein für Deutschland einmaliges und auch zukunftsweisendes Beispiel einer Kirche im neoklassizistischen Stil geschaffen.

Nichtsdestotrotz: Im Herbst 2010 beschloss das Bistum Essen, die sakrale Funktion der Kirche wegen Priestermangels einzustellen. Seitdem sucht die jetzt verantwortliche Pfarrei St. Lamberti eine dem 1998 verfügten Denkmalschutz – sowie der Geschichte des Gebäudes angemessene und gleichzeitig wirtschaftlich vernünftige Anschlussfunktion.

Die von der Kirche beabsichtigte neue Nutzung

Die kirchlichen Manager von St. Lamberti legten den Gemeindemitgliedern im Jahr 2019 ihre Absicht offen, eine Machbarkeitsstudie für die Umgestaltung der Kirche, zum Beispiel zu einem „Medizinisches Zentrum“, in Auftrag zu geben. Der Einladung folgten noch 130 Gemeindemitglieder. Als Lamberti jetzt, am 13. Juni 2021, das Ergebnis der Planungen des von St. Lamberti beauftragten Architekturbüros Feja + Kemper aus Recklinghausen präsentierte, war dagegen das Interesse mit 30 Anwesenden nur noch gering. Das in kirchlichen Hinterzimmern offenbar schon durchgewunkene und mit der Stadtverwaltung vorgeklärte Ziel, eines medizinischen Zentrums mit möglichst viel verkäuflicher Nutzfläche, verdiente eigentlich auch nicht mehr Aufmerksamkeit. Fachleute meinen, dass die vorgestellten Entwürfe jede Rücksicht auf die imposanten Gebäudeproportionen und – Symmetrien vermissen lassen. Sie verschandelten das monumentale, von seiner riesigen Kuppel geprägte Heilig Kreuz-Denkmal mit wenig inspirierten „Schuhkartons“ einer reichlich phantasielosen In-House-Bebauung im Inneren.

Fließen wieder öffentliche Steuergelder in diese Stilllegung?

Es ist kein Geheimnis, dass das Wirtschaftsunternehmen Kirche jede Gelegenheit nutzt, um seinen Reichtum zu mehren. Unterstützt werden die Religionsgemeinschaften dabei von den Parteien. Schon 2008 hatte die Landesregierung das „Modellvorhaben Kirchenumnutzungen“ angestoßen. In einem anschließend veröffentlichten Reader werden anhand von sechzehn Beispielen Ideen, Konzepte und Verfahren für die nichtsakrale Nutzung von Kirchen vorgestellt. Darunter befindet sich auch die Gladbecker Markuskirche: Sie wurde zum Lutherforum „umgenutzt“. Rund 1,2 Mio. Euro flossen aus Steuergeldern in das Projekt. Die ev. Kirche, die ihrem Religionsgründer Luther in den Räumen huldigte, steuerte keinen Euro bei. Vor zwei Jahren endete das Projekt im Streit. Das Gebäude ist seitdem ungenutzt. Auch ein Denkmal!

Änderungen noch möglich?

Die spannende Frage ist, ob die Verantwortlichen von St. Lamberti so offen und ehrlich sind, Alternativentwürfe von engagierten Bürgern im weiteren Verfahren fair zu berücksichtigen. Das jedenfalls haben sie bei der nicht von allen Zuhörern einmütig akzeptierten Präsentation in Aussicht gestellt.

Im weiteren Verfahren wird sich zeigen, was die Kirchenleute wirklich wollen:
> Einen Umbau, der (unterstellt, man findet eine mutigen Inverstor) unter Missachtung aller Rahmenbedingungen möglichst viel Geld in die kirchlichen Kassen bringt,
> die Nichtachtung des kulturhistorisch bedeutsamen Gebäudes, insbesondere seiner einmaligen, baulichen und liturgischen Merkmale im Äußeren und im Inneren,

oder

> der Verzicht auf Gewinnmaximierung zu Gunsten der Geschichte, des Denkmalschutzes und des öffentlichen Interesses an einer bewahrenden Stadtentwicklung,
> die Einbeziehung der einmaligen Kuppel und ihrer Belichtungseffekte in die Planung, die Integration einer dem bisherigen Zweck von Heilig Kreuz als zentrale Braucker Kirche entsprechenden Galerie unterhalb der Kuppel,
> der weitgehende Verzicht auf die unwiderrufliche Beschädigung der Außenfassade zur optimalen Belichtung möglichst vieler Nutzräume.

Heilig Kreuz in Butendorf noch zu retten?

Die Erhaltung von Heilig Kreuz ist nach Aufgabe des Gebäudes für sakrale Zwecke keine Sache allein der Kirche mehr. Die zukünftige Nutzung sollte ein Anliegen aller engagierten Gladbecker sein. Die nächsten Wochen könnten zeigen, dass es auch anders geht als eigentlich geplant und beschlossen.

Nicht zuletzt: die medizinische Versorgung von Butendorf ist, gemessen am Niveau in anderen Stadtteilen Gladbecks, schon heute außerordentlich gut. Die Intention der katholischen Kirche, ausgerechnet neben einem schon bestehenden medizinischen Zentrum die Infrastruktur für weitere Einrichtungen auf diesem Sektor zu schaffen, könnte schon bald in einer wirtschaftlich nicht tragfähigen Sackgasse enden.


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2 Kommentare

  1. Danke für den interessanten Artikel, was ich mir dabei in Zukunft – und natürlich auch allen Gladbeckerinnen und Gladbeckern – wünschen möchte: Bitte alles unternehmen, damit der Glockenturm als begehbarer Aussichtspunkt zur Verfügung steht. Kenne eigentlich fast alle Gladbecker Kirchtürme von innen, aber die Aussicht in Butendorf nur durch einen Baukran, der sich in den Neunziger Jahren auf gleicher Höhe direkt neben der Kirche befand. Die Aussicht ist ein Erlebnis, vor allem in Richtung der Essener Innenstadt.

  2. Ich danke der Neuen Gladbecker Zeitung, dass sie das Thema der Umgestaltung von Heilig Kreuz so ausführlich und pointiert aufgegriffen hat. Ich selbst habe zum laufenden Verfahren und den beabsichtigten Umbauten mangels eigener Kenntnisse der Planungsmaterie keine gefestigte Meinung. Ein aufmerksamer Butendorfer Katholik hat aber einem deutschen Architekturprofessor die von ihm abfotografierten Pläne der von Lamberti beauftragten Architekten mit der Bitte um Stellungnahme geschickt. Er hat die folgende Antwort erhalten und mir zugeleitet. Ich zitiere daraus wörtlich:
    „Es ist eine Unverschämtheit und Arroganz, solche Ideen überhaupt zu denken geschweige denn als Entwurf eines Architekten dem Auftraggeber und der Öffentlichkeit bzw. Gemeinde abzugeben. Wenn meine Studenten im ersten Semester so etwas vorgestellt hätten, hätte ich denen empfohlen, einen anderen Beruf zu ergreifen. Die Pläne sind sinnlos und ein Armutszeugnis. Besser und kostengünstiger sind diese Schachteln auf der Grünen Wiese oder auf einem Parkplatz zu bauen“.
    Ich zitiere aus diesem Brief nicht, weil ich das sicherlich erfahrene und fachlich kompetente Recklinghäuser Architekturbüro kritisieren möchte. Die dortigen Fachleute sind aber Dienstleister ihres Auftraggebers. Und wenn der das so will, weil er die alte Hütte unbedingt loshaben und möglichst viel dabei verdienen möchte, dann sind ihnen die Hände gebunden. Denn auch für sie gilt die in den Religionskriegen nach der Reformation entstandene Überlebensweisheit: Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing.

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