
Das Unwort des Jahres steht exemplarisch für den gesamten Bullshit, den Politiker uns auftischen
Gladbeck – 25.02.2026 – Sondervermögen – Liebe Leserin, lieber Leser,
kürzlich wurde das Wort „Sondervermögen“ zum „Unwort des Jahres“ gekürt. So ein verlogenes Wort ist wirklich preiswürdig. Das „Sondervermögen“ ist nämlich gar kein Vermögen. Im Gegenteil. Es sind Schulden. Unvorstellbar hohe Schulden.
Wie das so ist bei Schulden – irgendwann muss irgendwer sie zurückzahlen. In diesem Fall alle Menschen, die hier leben, arbeiten und eh schon jede Menge Steuern zahlen. Politiker, die wiedergewählt werden möchten, tun gut daran, das nicht an die große Glocke zu hängen. Also wird die Wahrheit in Glitzerpapier verpackt. Schwups wird aus Schulden ein „Vermögen“. Klingt nach einem Berg aus Gold. Ist aber, um es mit einem gerade modischen Wort zu bezeichnen, „Bullshit“.
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„Sondervermögen“ ist eine sprachliche Mogelpackung. Deutsch-Profis nennen das „Euphemismus“. Das Unwort des Jahres 2025 drückt exakt das Gegenteil von dem aus, was es umschreibt. Das ist kein sprachliches Missgeschick. Das ist Absicht.
PolitikerInnen unterstellen uns Dummheit
So wollen Politikerinnen und Politiker uns täuschen. Sie unterstellen uns auf diese Weise eine gehörige Portion Dummheit. Als würden wir nicht merken, dass uns da jemand einen Mount Everest an Schulden aufbürdet, während er von „Vermögen“ schwadroniert.
„Sondervermögen“ ist kein Einzelfall. Die Sprache strotzt vor Euphemismen. In der Wirtschaft, der Politik, der Kultur, im Sport – eigentlich überall, wo Verantwortliche sich scheuen, Unangenehmes beim Namen zu nennen. „Haushaltskonsolidierung“ etwa. Hört sich an wie solide Buchhaltung. Ist aber: Sparen. Kürzen. Streichen. Oder „Rückführung“. Klingt fast fürsorglich. Tatsächlich? Abschiebung. Zwangsweise. Oft nachts. Oft brutal.
Das Spiel funktioniert immer gleich: Man nimmt etwas Unangenehmes. Verpackt es in Watte und gibt ihm einen neuen, netten Namen. Und schon ist es viel weniger peinlich, schlechte Wahrheiten zu verkünden. Das erleichtert Schönfärbern und Weichspülern das Leben. „Personalabbau“ statt „Kündigung“. Menschen werden zu Personal. Schicksale werden zu Zahlen. Ist es aber nicht. Es ist: Menschen verlieren ihre Jobs, Familien ihr Einkommen.
Auch unsere Wirtschaft verniedlicht gern die Wahrheit
Die Wirtschaft ist Weltmeister in dieser Disziplin. „Preisanpassung“ statt „Preiserhöhung“. Anpassung klingt neutral. Fast schon klug und notwendig. Dabei wird es einfach nur teurer.
Die Liebe zu Euphemismen hat Tradition. Die Nazis waren Meister darin. Denn wer offen von Massenmord spricht, erntet Widerstand. „Endlösung der Judenfrage“ – eine bürokratische Formel für industriellen Völkermord. „Sonderbehandlung“ für Mord. „Evakuierung“ für Deportation in den Tod. „Euthanasie“ – schöner Tod. „Gnadentod“ für die Ermordung kranker und behinderter Menschen. „Schutzhaft“ für KZ-Verschleppung. „Arbeitseinsatz“ für Zwangsarbeit. Überall Tarnsprache. Überall Nebel.
Die DDR machte es ähnlich. Der „antifaschistische Schutzwall“ war eine Mauer, die Menschen einsperrte. Wo auf Flüchtende geschossen wurde. „Schutzwall“ aber klingt nach Verteidigung. Nach moralischer Integrität.
Putin nennt seinen Krieg „Militärische Sonderoperation“
Bis heute läuft das Spiel weiter. Putin nennt den barbarischen Angriffskrieg gegen die Ukraine „Militärische Sonderoperation“. „Robustes Mandat“ heißt: Soldaten dürfen schießen. „Kollateralschaden“ meint: tote Zivilisten, tote Kinder.
Auf Platz zwei der Unwort-des-Jahres-Liste steht „Zustrombegrenzungsgesetz“. Migration als Flut. Als Naturkatastrophe. Menschen werden durch Wassermetaphern entmenschlicht. Wenn wir Mord nicht Mord, Vertreibung nicht Vertreibung und Krieg nicht Krieg nennen, müssen wir uns keine großen Gedanken machen. Das beruhigt das Gewissen.
Man will uns mit Euphemismen manipulieren
Euphemismen sind keine harmlosen Sprachpanschereien. Sie sind Werkzeuge der Manipulation. Der Verschleierung. Der Verdummung. Sie täuschen über schlimme Absichten hinweg. Sie machen Unangenehmes erträglich. Ungerechtes akzeptabel. Unmenschliches normal.
Wer Euphemismen benutzt, gewinnt vielleicht ein wenig Zeit, aber irgendwann fliegt er auf. Dann merken die Menschen, dass jemand sie hinters Licht geführt hat. Das macht sie wütend. Und dieser Zorn ist für den Schönredner viel schlimmer, als hätte er von Anfang an Tacheles geredet. Sein Vertrauen, seine Glaubwürdigkeit sind futsch. Wer glaubt so jemandem noch? Wir brauchen eine Sprache, die Klartext spricht. Die nicht verschleiert, nicht beschönigt. Die Schulden Schulden nennt, Kündigungen Kündigungen und Preiserhöhung Preiserhöhung. Wir brauchen Menschen, die mutig unpopuläre Dinge beim Namen nennen. Die nicht versuchen, Unbequemes im Kleingedruckten zu verstecken. Und wir? Wir müssen, wenn uns jemand für dumm verkaufen will, lautstark protestieren: Wir lassen uns nicht zum Narren halten. Euphemismen sind sprachlicher Betrug. Sie beleidigen unsere Intelligenz.
Ihnen wünsche ich eine gute Zeit und dass niemand Sie für dumm verkauft.
Mit freundlicher Erlaubnis des Autors Ulrich Breulmann, Redakteur der Dorstener Zeitung
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